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Zusammengestellt von: Pfarrer Dr. Sönke Finnern (WN-Bittenfeld) und Andreas Jeutter (LB-Remseck) in 2017

Die Lutherbibel 1534 und ihre Geschichte

Die Luther-Bibel von 1534, fotografiert 1999 im Lutherhaus Wittenberg
Die Luther-Bibel von 1534, fotografiert 1999 im Lutherhaus Wittenberg (Quelle: WikiCommons)

Inhaltsverzeichnis

1. Die Luther-Bibel von 1534 - Weltkulturerbe der Unesco

Die UNESCO-Generalkonferenz in Abu Dhabi erklärte am 9.Oktober 2015 vierzehn Manuskripte, Briefe und Originaldrucke von Martin Luther zum Weltdokumentenerbe. Dazu gehört die erste vollständige Bibelübersetzung von Martin Luther aus dem Jahre 1534. Sie wird zu den bedeutendsten Dokumenten der Frühen Neuzeit gezählt.

Das Exemplar, welches in die Liste des Weltdokumentenerbes aufgenommen wurde, entstammt der Herzogin Anna Amalia-Bibliothek in Weimar. Es wurde mit 128 Holzschnitten und Bildinitialien aus der Werkstatt von Lucas Cranach prächtig mit blauen, grünen und roten Deckfarben ausgemalt und zum Teil mit Gold gehöht.

Es ist dem beherzten Eingreifen des Germanisten und damaligen Bibliotheksdirektors der Herzogin Anna Amalia-Bibliothek, Dr. Michael Knoche, zu verdanken, dass dieses Exemplar bei dem verheerenden Brand am 4. September 2004 in letzter Minute unversehrt gerettet werden konnte.

Bevor Martin Luther sich 1521/1522 auf der Wartburg an die Übersetzung der Bibel in die Deutsche Sprache machte, gab es bereits ca. 70 deutsche Bibel-Übersetzungen, wovon ca. 18 Übersetzungen bereits in gedruckter Buchform vorlagen. Das ist gar nicht allgemein bekannt. Martin Luther hat also nicht als erster die Bibel in die deutsche Sprache übersetzt. Warum ist dann in Deutschland seine Übersetzung die Bekannteste und in das UNESCO-Welterbe aufgenommen worden?

Luthers Stil, seiner sprachlichen Ausdruckskraft sowie seinen Wortschöpfungen ist es zu verdanken, dass die biblischen Inhalte dem allgemeinen Volk zugänglich gemacht werden konnten und sich so im Gegensatz zu älteren deutschen Übersetzungen seine Übersetzung auf breiter Ebene durchsetzen konnte. Außerdem war Luther ja zugleich der wichtigste Reformator Deutschlands: Was Luther zunächst als rein inner-kirchlichen Impuls verstand, entwickelte sich zu einer gesellschaftlichen Erneuerungsbewegung mit grenzüberschreitendem Charakter. Dies sowie der Einfluss von Luthers Schriften auf den weiteren Geschichtsverlauf sind sicher die Gründe, welche dazu führten, dass die UNESCO 2015 die wichtigsten Manuskripte, Briefe und Originaldrucke Martin Luthers in das Dokumentenerbe der Welt aufgenommen hat. Im Nachhinein ist es also verständlich, dass Luthers Übersetzung als "Leuchtturm" die anderen deutschen Übersetzungen überstrahlt und diese somt aus der allgemeinen Erinnerung verdrängt wurden.

Hier gehts zur UNESCO-Seite mit Schriften, die 2015 in das Weltdokumentenerbe aufgenommen wurden

In diesem Vortrag wollen wir einen Blick richten auf:

  1. die ganz frühen Übersetzungen der Bibel, die es schon in den ersten Jahrhunderten der Christenheit gab,
  2. die deutschen Übersetzungen der Bibel, die es vor Martin Luther gab,
  3. wie es zur Übersetzung von Martin Luther 1534 kam,
  4. die Nachgeschichte der Lutherbibel 1534 und
  5. ein kurzer Vergleich der Lutherbibel 1534 mit der Lutherbibel 2017.

2. Frühe nicht-deutsche Übersetzungen der Bibel

2.1. Septuaginta

Die "Septuaginta" (lateinisch für "siebzig", auch LXX abgekürzt) ist die griechische Übersetzung bzw. Übertragung des Alten Testaments. Die Bücher des Alten Testaments wurden ja zunächst auf hebräisch (bzw. einige Passagen aus Daniel und Esra auf aramäisch) geschrieben.

Diese griechische Übersetzung ist bereits sehr früh entstanden, noch vor Christus. Alexander der Große hatte weite Teile des damaligen östlichen Mittelmeerraums erobert bis hin nach Persien (wir kennen "333 Issos Keilerei", 333 vor Christus). Auch das damalige Syrien, Palästina und Ägypten waren unter griechischer Kontrolle. In den Jahrhunderten danach setzte sich das Griechische durch, als allgemein verstandene Sprache.

Nach dem (legendarisch ausschmückenden) Aristeasbrief (ca. 150-100 v.Chr.) seien zunächst die fünf Bücher Mose von siebzig jüdischen Übersetzern ins Griechische übersetzt worden, Mitte des 3. Jh. v. Christus. Bis etwa 130 v.Chr. waren auch die anderen Schriften übersetzt. "Mit dieser Übersetzung wurde eine kulturelle Leistung ersten Ranges realisiert: Die jüdische Religion mit ihrem Monotheismus wurde den anderen Kulturen zugänglich, den Juden selbst war ein wichtiges Hilfsmittel zur Wahrung ihrer Identität gegeben." (E. Zenger, Einleitung in das Alte Testament, 3. Aufl., S. 45)

Die Evangelisten und auch Paulus -- die dann gleich auf Griechisch schrieben -- verwendeten bei ihren AT-Zitaten entweder den Wortlaut der Septuaginta oder sie übersetzten selbst direkt aus dem Hebräischen. Damals war die Zahl der Bücher, die zum Kanon gehören, noch nicht eindeutig festgelegt. Zur Septuaginta gehören auch Bücher wie 1. und 2. Makkabäer, die gleich auf Griechisch geschrieben wurden. Daher kommt es, dass in der griechischen Fassung des AT mehr Bücher enthalten sind als in den hebräischen Schriften des AT.

Die katholische Kirche hat sich dafür entschieden, dass die lateinische Übersetzung der griechischen Fassung (jedenfalls vom Umfang her, s. aber Hieronymus) des AT ihre Bibelgrundlage ist. Luther war vom Humanismus stark beeinflusst, also dem Ruf "zurück zu den Quellen", d.h. auch zum hebräischen und griechischen Original. Daher hat Luther nur die hebräisch vorhandenen Bücher als Teil des AT gelten lassen (wie im Judentum bis heute).

Fazit: Mit der griechischen Fassung des AT teilt sich die Überlieferung. Wir haben also eigentlich zwei Formen des "Alten Testaments". Aber nicht nur zwei ...

2.2. Targumim

Ein "Targum" (Pl. targumim: Erklärung, Übersetzung) ist eine Übersetzung der Bibel in das Aramäische.

Nach dem babylonischen Exil wurde das Aramäische Alltagssprache und verdrängte das Hebräische. Das Hebräische und das Aramäische sind aber sprachlich recht eng verwandt, so ähnlich wie Deutsch und Dänisch (oder Schwäbisch und Hochdeutsch :-) ).

Die Forschung geht ja davon aus, dass auch Jesus im Alltag Aramäisch gesprochen hat (im Gottesdienst dann aber Hebräisch).

Schon vor Jesus gab es sicherlich aramäische Übertragungen des hebräischen AT, gefunden hat man z.B. in Qumran zwei Hiob-Targumim aus der 1. Hälfte des 1. Jahrhunderts (4Q157, 11Q10). Bekannt ist zum Beispiel das Targum Jonathan, das prophetische Bücher des AT mit Geschichten ausschmückt. Es gibt auch das Targum Onqelos, das relativ wörtlich übersetzt und nur hin und wieder den Text ausschmückt und aktualisiert.

Hinzu kommen die palästinischen Targumim, die eine größere Textvielfalt haben.

2.3. Syrische, armenische, koptische Übersetzungen

Die syrische Übersetzung entstand wahrscheinlich im 1. Jh. nach Christus.

Jedenfalls hat sich damals das Herrscherhaus von Adiabene dem Judentum zugewandt und für diese Zeit ist eine syrische Übersetzung des AT recht plausibel. Die frühesten erhaltenen syrischen Handschriften stammen aus dem 5.Jh. n.Christus.

In Armenien gab es bereits auch recht früh christliche Gemeinden, aber es dauerte bis ins 5. Jahrhundert, bis eine Übersetzung der Bibel ins Armenische vorlag. Hier gehts zur Webseite der Armenischen Gemeinde (Rhein-Main) und Infos zur Armenischen Übersetzung der Bibel

Frühe Übersetzungen der Bibel waren auch die Übersetzung ins Gotische (um 350) und ins Koptische.

2.4. Vulgata

Zunächst gab es verschiedene Übersetzungen der Bibel ins Lateinische, die uns heute nur noch in Kirchenväterzitaten überliefert sind ("Vetus Latina"). (ab hier: Teil-Auszug aus Seite www.die-bibel.de) Im Jahr 382 n. Chr. beauftragte Papst Damasus I. den Theologen Hieronymus mit der Herstellung einer einheitlichen lateinischen Übersetzung der Bibel. Die Übersetzung bekam den Namen »Vulgata« (lateinisch für »die Volkstümliche«). Sie wurde zur wichtigsten Bibelübersetzung des Mittelalters und prägte mit ihrem Latein für Jahrhunderte die Wissenschaftssprache an den Universitäten.

Im Alten Testament sind die meisten(nicht alle) Bücher der Vulgata direkte Übersetzungen des hl. Hieronymus aus dem Hebräischen. (Dennoch orientierte sich die Zahl der Bücher an der griechischen Fassung des AT.)

Im Neuen Testament liegt allen Büchern ein altlateinischer Text zugrunde, der durchweg nach dem Griechischen verbessert worden ist, in den Evangelien flüchtig, in den übrigen Teilen wesentlich genauer. Die Bearbeitung der Evangelien stammt sicher vom hl. Hieronymus; für die anderen Bücher bzw. Büchergruppen ist der Urheber unbekannt. Zusammengenommen ist also die Vulgata keineswegs einheitlich, und man kann sie nur in einem weiteren Sinne als Werk des hl. Hieronymus bezeichnen, da von ihm der größere Teil stammt.

3. Frühe deutsche Übersetzungen der Bibel

3.1. Handschriftliche Übersetzungen

Ob und inwieweit die deutsche Sprache für die Nutzung im religiösen Bereich überhaupt geeignet sei, war im 8. Jh. noch umstritten. Erst auf der Frankfurter Synode im Jahr 794 wurde festgehalten, dass man Gott nicht nur in den geheiligten Sprachen Hebräisch, Griechisch und Latein angemessen anbeten könne, sondern auch auf Deutsch.

Gefördert durch die Bildungs- und Einigungsbestrebungen Karls des Großen gewann die deutsche Sprache (lingua theodisca, „Volkssprache“) in den folgenden Jahrzehnten weiter an Bedeutung. Besonderen Wert legte der Kaiser auf die Kenntnis der wichtigsten christlichen Texte in deutscher Sprache. Am Anfang der Verdeutschung biblischer Texte steht denn auch die Übersetzung liturgischer Gebrauchstexte wie Vaterunser und einzelner Psalmen. Dies zeigt, dass das Hauptinteresse zunächst nicht der Bibelübersetzung an sich, sondern vielmehr einer besseren Zugänglichkeit zentraler Glaubenstexte galt.

Als erste ganze biblische Schrift wird, vermutlich noch im 8. Jh., das Matthäus-Evangelium ins Deutsche übertragen. Die einzige in Teilen erhaltene Handschrift dieser Übersetzung aus dem ehemaligen Benediktinerstift Mondsee in Oberösterreich liegt heute als Teil der so genannten Mondsee-Wiener-Fragmente in der Hofbibliothek Wien. Auf der linken Seite steht jeweils der Vulgata-Text und auf der rechten Seite die (ober)deutsche, fränkisch-bayrische Übersetzung.

Für den Psalter erbrachte Notker Labeo, Vorstand der Klosterschule von St. Gallen, um das Jahr 1000 eine ähnliche Leistung. Seine Übersetzung entstand als Teil eines theologischen Kommentarwerkes zu den Psalmen und als Hilfe für den Klosterunterricht. Sie ist heute nur noch in einer Handschrift in St. Gallen vollständig erhalten.

Ebenfalls im Rahmen eines Auslegungswerkes und vermutlich angeregt durch das Modell Notkers erstellte Williram von Ebersberg, Abt zu Ebersberg in Oberbayern, um die Mitte des 11. Jh.s eine Übersetzung des Hoheliedes. Willirams Übersetzung hat eine eigenständige sprachliche Prägung mit zum Teil neu geformtem Wortmaterial, wenngleich noch mit deutlicher Bindung ans Lateinische.

In mittelhochdeutscher Zeit wird die Übersetzung einzelner biblischer Schriften, besonders der Psalmen, des Hoheliedes und einzelner Evangelien fortgesetzt. Von den erhaltenen frühen Handschriften sind v.a. die Psalmen aus dem Kloster Windberg, aus Klagenfurt und die so genannten Schleizer Bruchstücke aus dem 12. Jh. zu nennen, sowie das St. Trudperter Hohelied, das an Willirams Arbeit anknüpft.

Das älteste vollständige Neue Testament in deutscher Sprache liegt mit der Augsburger Pergamenthandschrift aus dem Jahr 1350 vor, gefolgt vom so genannten Codex Teplensis (Stift Tepl bei Eger in Böhmen).

Als älteste vollständige Handschrift des Alten Testaments ist die reich illustrierte Wenzelbibel vom Ende des 14. Jh.s erhalten, die nach dem Sohn von Karl IV. benannt ist und sich heute im Besitz der Wiener Nationalbibliothek befindet. Sie profitiert von der Entwicklung einer einheitlichen Kanzleisprache am Hofe Karls IV. in Prag, die sich dann auch für die Übersetzung religiöser Literatur nutzen ließ.

3.2. Gedruckte Übersetzungen

Vorlutherische deutsche Bibeln werden die achtzehn deutschen Bibeldrucke genannt, die vor der Herausgabe der Lutherbibel in Deutschland erschienen. Die Zeit ihrer Herausgabe umfasst die Zeit von 1466 bis 1522. Johannes Gutenberg hatte für seine Gutenberg-Bibel die seinerzeit allgemein verbreitete lateinische Übersetzung (Vulgata) benutzt. Das Interesse von Seiten des einfachen Klerus und des Bürgertums stieg jedoch, die biblischen Geschichten verstehen zu können. Mit der Mentelin-Bibel, 1466 in Straßburg veöffentlicht, wurde diese Idee, eine Bibel in einer Volkssprache zu drucken, erstmals verwirklicht.

3.3. Die Mentelin-Bibel von 1466

Die Mentelin-Bibel, benannt nach Johannes Mentelin (* um 1410 in Schlettstadt; † 12. Dezember 1478 in Straßburg), ist die erste der vorlutherischen deutschen Bibeln und die erste gedruckte Bibel in einer Volkssprache überhaupt. Sie erschien 1466, nur zehn Jahre nach der lateinischen Gutenberg-Bibel.

Der Text dieser Bibel war bei Druck bereits an die hundert Jahre alt und niemand weiß genau, wer diese Übersetzung erstellt hatte. Sicher ist, dass sie sehr wortgetreu aus der lateinischen Bibelübersetzung "Vulgata" übersetzt worden war, ohne sich sehr um Verständlichkeit zu bemühen. Offensichtlich war der Text für Gelehrte gedacht, die Latein beherrschten.

Die Mentelin-Bibel war also eine Bibel, die eher von einer kleinen, gelehrten Oberschicht gelesen wurde, nicht aber von der breiten Masse.

Zu welchem Zeitpunkt und wo Johannes Mentelin die Technik des Buchdrucks erlernte, ist nicht bekannt.

Die Mentelin-Bibel wurde im süddeutschen Raum bis zur Lutherbibel weitere dreizehn Mal von verschiedenen Druckern neu aufgelegt.

4. Luthers Weg zur Bibelübersetzung

4.1. 1517 - Die Veröffentlichung der 95 Thesen

Seit dem Frühjahr 1517 erlebte Martin Luther in seinem Umfeld immer häufiger, dass die Wittenberger der Beichte fernblieben und stattdessen in die auf stiftsmagdeburgischem bzw. anhaltischem Gebiet liegenden Städte Jüterbog und Zerbst gingen, um sich selbst, aber auch verstorbene Angehörige, von Sünden und Sündenstrafen durch den Erwerb von Ablassbriefen freizukaufen.

Martin Luthers 95 Thesen – im lateinischen Original Disputatio pro declaratione virtutis indulgentiarum, in frühen deutschen Drucken Propositiones wider das Ablas –, in denen er gegen Missbräuche beim Ablass und besonders gegen den geschäftsmäßigen Handel mit Ablassbriefen auftrat, wurden am 31. Oktober 1517 als Beifügung an einen Brief an den Erzbischof von Mainz und Magdeburg, Albrecht von Brandenburg, erstmals in Umlauf gebracht.

Da eine Stellungnahme Albrechts von Brandenburg ausblieb, gab Luther die Thesen an einige Bekannte weiter, darunter Wilhelm und Konrad Nesen, die sie kurze Zeit später ohne sein Wissen veröffentlichten und damit zum Gegenstand einer öffentlichen Diskussion im gesamten Reich machten.

Die Historizität des Thesenanschlags, bei dem Luther seine 95 Thesen am 31. Oktober 1517 eigenhändig an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg genagelt haben soll, ist umstritten. Die Veröffentlichung war aber eines der bedeutendsten Ereignisse in der Frühen Neuzeit mit einer unvorhersehbaren Langzeitwirkung.

Tatsächlich war der Missbrauch des Ablasses einer der wesentlichen Kritikpunkte Luthers. Die eine Hälfte der Einnahmen des Ablasshandels diente dem Bau des Petersdoms in Rom, während sich der Erzbischof Albrecht und die Ablassprediger die andere Hälfte teilten. Der Bischof benötigte die Einkünfte, um seine gegenüber den Fuggern aufgelaufenen Schulden abzuzahlen. Mithin waren die Thesen ein Angriff auf das päpstliche Finanzsystem.

Luthers Thesen hatten eine eminente Auswirkung auf nahezu alle gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Strukturen – was Luther selbst kaum vorausgeahnt haben konnte. Die Reformbedürftigkeit der Kirche und damit der Kirchenverfassung war längst ein dringendes Problem. Die Veröffentlichung seiner Thesen war als Diskussionsgrundlage für fachkundige Theologen gedacht; sie verselbständigten sich jedoch sehr schnell und wurden oft als Handzettel nachgedruckt.

Statt zur erhofften Diskussion kam es 1518 zunächst zum Ketzerprozess und schließlich sogar zum Kirchenbann.

Weitere Informationen hier: [https://de.wikipedia.org/wiki/95_Thesen Martin Luthers 95 Thesen]

4.2. 1521 - Der Reichstag in Worms

Der Reichstag zu Worms des Jahres 1521 war eine von Kaiser Karl V. als Reichstag einberufene Zusammenkunft des Kurfürstenrats, des Reichsfürstenrats und des Städterats. Der Reichstag wurde am 27. Januar 1521 in Worms eröffnet. Er endete mit dem Reichsabschied vom 26. Mai 1521. Dies war also keine eintägige Veranstaltung, sondern erstreckte sich über fast ein halbes Jahr.

Hauptthemen waren Maßnahmen gegen die damals aktuelle türkische Bedrohung sowie zur Verwaltung und Abgrenzungen der Besitzungen von Kaiser Karl V und seinem Bruder Ferdinand, wodurch mittelfristig die Teilung des Hauses Habsburg in eine spanische und eine österreichische Linie manifestiert wurde. Im Rahmen des Reichstags – wenn auch nicht vor diesem selbst – erschien am 17./18. April 1521 auch Martin Luther, der anschließend geächtet und für vogelfrei erklärt wurde. Er wurde nicht standepede verhaftet, denn man hatte ihm zuvor freies Geleit zugesichert. Jedermann hätte ihn nun töten können ohne eine Bestrafung fürchten zu müssen.

4.3. 1521 - Übersetzung des "Neuen Testaments" im Versteck auf der Wartburg

Im Frühjahr 1521, Luther befindet sich auf dem Rückweg vom Reichstag zu Worms nach Wittenberg, lässt der sächsische Kurfürst Friedrich der Weise Martin Luther nach einem fingierten Überfall auf die Wartburg "entführen", um ihn vor dem Zugriff durch den Kaiser zu schützen.

Auf der Wartburg lebt er unerkannt als "Junker Jörg" und übersetzt hier das Neue Testament in nur 11 Wochen aus dem Griechischen ins Deutsche. Luthers Ziel war nicht, den Text im Deutschen nachzubilden. Er wollte, dass die Bibeltexte möglichst auf Anhieb verstanden wurden. Und zwar nicht nur von den Gelehrten, sondern auch von den einfachen Menschen. Das war keine leichte Aufgabe. Deutschland war damals ein Flickenteppich aus Herrschaftsgebieten unterschiedlichster Größe. Auch sprachlich herrschte keine Einheit, so dass schon 25km Entfernung zwischen manchen Orten ausreichten, damit sich die Einwohner dieser Orte nicht mehr so einfach verstanden.

Alle Deutschen sollten seine Sprache verstehen. Deshalb verwendete Luther die sächsische Kanzleisprache.Sie wurde bereits von vielen verstanden, da sie geographisch in der Mitte Deutschlands lag und auch sprachlich eine vermittelnde Position einnahm.

Im März 1522 kehrt Luther trotz Acht und Bann nach Wittenberg zurück. Dort wurde bereits Ende September 1521 in Abwesenheit Luthers das erste evangelische Abendmahl gefeiert.

Im September 1522 wurde das übersetzte Neue Testament („Septembertestament“) in der hohen Auflage von 3000 Exemplaren von Melchior Lotter in Wittenberg gedruckt und von Lucas Cranach und Christian Döring verlegt. Trotz des hohen Preises von eineinhalb Gulden war die Auflage innerhalb von drei Monaten vergriffen und so wurde bereits im Dezember 1522 die zweite Auflage mit verbessertem Text und korrigierten Bildern gedruckt („Dezembertestament“).

Es wird in der evangelischen Überlieferung sehr stark herausgestellt, dass Luther sich in diesen Wochen von der traditionellen lateinischen Vulgata radikal ab- und dem griechischen Urtext zugewandt habe. Die Lutherbibel repräsentiert so das Erbe der mittelalterlich-lateinischen Tradition im deutschen Sprachraum. Dennoch ist der Einfluss der Vulgata auch in Luthers Neuem Testament stark spürbar.

4.4. Ab 1524 - Übersetzung des Alten Testaments

Mit den Arbeiten an der Übersetzung des Alten Testaments begann Luther um das Jahr 1524 herum. Hier stand er vor dem Problem, dass die alttestamentarischen Bücher in hebräisch vorlagen. Diese Sprache beherrschte er nun nicht so sicher wie das Lateinische und Griechische, so dass er sich die Unterstützung mehrerer Mitstreiter erbitten musste - Philipp Melanchthon sei hier beispielhaft erwähnt.

Luther arbeitete also damals schon im Team. Man traf sich wöchentlich im Wittenberger Kloster, in dem Luther zu der Zeit wohnte, und erörterte verschiedene Übersetzungsvorschläge. Dabei brachte jedes Team-Mitglied eine besondere Fachkompetenz ein. Der eine war Experte in der griechischen Sprache, der andere in der hebräischen. Ein anderes Team-Mitglied kannte sich mit den rabbinischen Kommentaren zum Alten Testament aus usw.

Aber auch externe Fachleute wurden hinzugezogen. Letztendlich wurde aus den Beiträgen ein Textvorschlag erarbeitet und man diskutierte diesen dann, bis eine Endfassung vorlag.

Luther berichtete über diese Arbeiten: "Es ist uns wohl oft begegnet, dass wir vierzehn Tage, drei, vier Wochen ein einziges Wort gesucht und danach gefragt haben, habens aber dennoch zuweilen nicht gefunden. Beim Buch Hiob mühten wir uns ....so, dass wir in vier Tagen zuweilen kaum drei Zeilen fertigbringen konnten."

4.5. Charakterisierung/Beispiele der Luther-Bibel 1534

Schon im November 1534, nur wenige Monate nach dem Erscheinen der ersten vollständigen Luther-Bibel, schrieb der Theologe Antonius Corvinus in einem Brief, sie sei eine "fehlerfreie und ganz vollkommene Übersetzung". Nur wenige sahen das anders. Dies blieb so über Jahrhunderte hinweg. Dabei wurden durch Luther und sein Team viele bildkräftige Neuschöpfungen von Wörtern erstmalig erfunden - dies aus der Sprachnot heraus, die damals im deutschen Sprachraum herrschte.

Das damalige Deutsch war regional sehr verschieden und es war nicht darauf ausgelegt, alle biblischen Worte wiederzugeben. Also wurden für die Luther-Bibel die neu erfundenen Wortschöpfungen wie "Morgenland, Feuereifer, Herzenslust, Teufelswerk, Menschenfischer" erstmals verwendet.

Auch die theologische Fachsprache wird nun im Rückgriff auf die alten Sprachen im Deutschen auf einen neuen Stand gebracht. Wörter wie "Evangelium, Testament, Psalm, Apostel, Prophet" gab es bis zur Arbeit an der Luther-Bibel in Deutschland noch nicht.

Luther achtete auch auf die Klangfarben der Vokale. Wie z.Bsp. in "Ihr werden finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend". Dies ist Sprachkunst und harte Übersetzungsarbeit.

5. Wie es mit der Lutherbibel 1534 weiterging

5.1. Überarbeitungen der Lutherbibel seit dem 19. Jahrhundert

Zunächst blieb die Lutherbibel in ihrem Wortlaut lange Zeit unverändert. Dies führte aber schon im 19. Jahrhundert dazu, dass man die Lutherbibel nicht mehr gut verstehen konnte.

Eine interessante Episode ist die Herausgabe der sog. "Altonaer Bibel" im Jahr 1815 (von Nikolaus Funk, Pastor in Hamburg-Altona).

Die Altonaer Bibel ergänzten den Luther-Text durch Erklärungen im rationalistischen Sinn (im Rationalismus wurde alles Übernatürliche "verständlich gemacht", man könnte auch sagen: wegerklärt). Allerdings konnte man als Leser kaum den Unterschied mehr erkennen zwischen dem Luthertext und den Verbesserungen von Nikolaus Funk. Das rief den Widerspruch des Kieler Pastors Claus Harms hervor, der 1817 zum Lutherjubiläum neue 95 Thesen veröffentlichte.

Claus Harms gilt als der Begründer der Luther-Renaissance im 19. Jahrhundert, wo man sich wieder auf die lutherischen Wurzeln besann. (Siehe dazu: [https://de.wikipedia.org/wiki/Claus_Harms Wikipedia-Artikel zu Claus Harms])

Aus den Thesen von Claus Harms: "These 53: ... Die Bibelgesellschaften sollten eine revidirte lutherische Bibelübersetzung veranstalten. These 54: Eine deutsche Übersetzung [sc. die originale Lutherübersetzung] mit Erklärungen deutscher Wörter versehen, heißt: sie als die Ursprache der Offenbarung ansehen. Das wäre papistisch und abergläubisch. These 55: Die Bibel mit solchen Glossen ediren, / die das ursprüngliche Wort emendiren, / heißt: den heiligen Geist corrigiren, / die Kirche spoliren, / und die dran glauben, zum Teufel führen."

Schon Claus Harms sagte also: Man soll bei der Lutherübersetzung bleiben, sie aber überarbeiten. Doch nicht so wie Funk es gemacht hat. Erst 50 Jahre später, um 1860, wurde dieses Projekt ernsthaft in Angriff genommen. Im Jahr 1892 wurde die erste kirchenamtliche Bearbeitung der Lutherbibel veröffentlicht, im Jahr 1912 die zweite Überarbeitung. Bei der "Luther 1912" blieb es lange Zeit.

[https://de.wikipedia.org/wiki/Lutherbibel Lutherbibel (Wikipedia-Artikel)]

1956 war die Überarbeitung des NT fertig, 1964 die Revision des AT. Dabei hat man erstmals die wissenschaftlichen Ergebnisse der neutestamentlichen Textkritik mit einbezogen, es sind manche Verse aus der späteren Überlieferung rausgefallen, z.B. in Johannes 5,3-4 (Heilung eines Kranken am Teich Betesda) oder der Schluss des Vaterunsers Mt 6,13.

Die fertige Lutherbibel von 1975 hat den Luthertext zu stark modernisiert ("man soll sein Licht nicht unter den Eimer stellen" - "Eimertestament"; Wortlaut der Weihnachtsgeschichte stark verändert), aufgrund von Protesten wurden die zu deutlichen Modernisierungen wieder herausgenommen. Die Lutherbibel 1984 ist wieder etwas traditioneller als die von 1975 (mit der bekannten Lutherschreibung der biblischen Namen, mit der Rücknahme von 120 Modernisierungen), wurde dann aber weithin akzeptiert.

6. Die Lutherbibel 2017 und 1534 im Vergleich

Die Revision der Luther-Bibel ist eines der großen Ereignisse im Reformations-Jubiläumsjahr 2017. Die erste kirchenamtliche Revision von 1892 war nicht der Anfang der Revisionsarbeit. Vielmehr war es Luther selbst, der von Anfang an stetig an der Verbesserung seiner "Verdeutschung" arbeitete.

Dies kann man zum Beispiel bei dem bekannten Psalm 23 gut nachvollziehen: Handschriftlich notierte er zunächst für Vers 2: "Er lässt mich weiden in der Wohnung des Grases und nähret mich am Wasser guter Ruhe." Das verbesserte er in der Fassung, welche 1524 gedruckt wurde, zu: "Er lässt mich weiden , da viel Gras steht, und führet mich zum Wasser, das mich erkühlet." 1531 formulierte er in verständlicherem Deutsch: "Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser."

Bei der neuesten Revision, der "Luther 2017", stehen nicht sprachliche Änderungen im Mittelpunkt, vielmehr wurden darin neuere exegetische (Anmerkung: Exegese = die Deutung von heiligen Schriften nach ihrem Sinn [https://de.wikipedia.org/wiki/Exegese Exegese (Wikipedia-Artikel)]) Einsichten umgesetzt. Die Apokryphen wurden ganz neu aus dem Griechischen übersetzt. Vielfach wurden sprachliche Modernisierungen der Ausgabe von 1975/1984 reduziert, an einigen Stellen kehrt die Lutherbibel 2017 absichtlich zu Luthers Text von 1545 zurück - wenn man den Wortlaut noch verstehen kann. Alles in allem ergibt sich damit wieder eine mehr "archaische" ('''altertümliche''') Sprache. Auf der anderen Seite hat man aber auch auf eine frauengerechtere Sprache geachtet (zum Beispiel statt "liebe Brüder" nun immer "Brüder '''und Schwestern'''" in den Briefen des NT, Römer 7,1.4) und auch auf ein positiveres Bild des jüdischen Volkes und des Verhältnisses der Kirche zum Judentum. Insgesamt weicht die Revision 2017 in etwa 44 Prozent der Verse von der 1984er-Lutherbibel ab, vor allem in den Apokryphen. Die bekannten Texte wie z.B. das Vaterunser oder die Weihnachtsgeschichte oder Psalm 23 (Vom guten Hirten) wurden nicht verändert.

Beispiel für die Rückkehr zum ursprünglichen Luthertext: "Lutherbibel 1984 Ihr '''Schlangenbrut''', wie könnt ihr Gutes reden, die ihr böse seid? Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Lutherbibel 2017: Ihr '''Otterngezücht''', wie könnt ihr Gutes reden, die ihr böse seid? Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über." Oder Psalm 42: "Wie ein Hirsch '''schreit''' nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott zu Dir." (Luther 1984 hatte modernisiert, dass der Hirsch "lechzt".)

Weitere Informationen sind hier zu finden: [https://de.wikipedia.org/wiki/Bibelübersetzung Bibelübersetzung (Wikipedia-Artikel)]

Last but not least: Es gibt jetzt auch eine Neubearbeitung der kath. "Einheitsübersetzung 2017", welche hier zu finden ist: Katholische Einheitsübersetzung der Bibel 2017 Bereits der große Erfolg der Lutherübersetzung (man schätzt, 1533 sei in etwa jedem 10. deutschen Haushalt ein Neues Testament von Martin Luther vorhanden gewesen) führte schon kurz darauf zu katholischen deutschen Bibelübersetzungen, die sich an Martin Luther orientierten.

7. Web-Links zum Thema

Bibelübersetzung (Wikipedia-Artikel)

Bibelübersetzung (Bibelwissenschaft.de)

Exegese (Auslegung / Interpretation von Texten / Wikipedia-Artikel)

Vorlutherische deutsche Bibeln (Wikipedia-Artikel)

Die Mentelin-Bibel (Wikipedia-Artikel)

DIe "95 Thesen" Martin Luthers (Wikipedia-Artikel)

Luther-Bibel (Wikipedia-Artikel)

Geschichte der Bibelübersetzung auf www.die-bibel.de

Youtube-Video von Michael Holz zu den deutschen Übersetzungen vor Luther

Der Reichstag in Worms (1521) (Wikipedia-Artikel)

8. Personen-Register

8.1 Sophronius Eusebius Hieronymus

Sophronius Eusebius Hieronymus (Wikipedia-Artikel)

geb. 347 in Stridon, Provinz Dalmatia; † 30. September 420 in Betlehem/Palästina

Hieronymus war ein Gelehrter und Theologe der alten Kirche und wird in verschiedenen christlichen Konfessionen als Kirchenvater und Heiliger verehrt. Er gehört in der katholischen Kirche zusammen mit Ambrosius von Mailand, Augustinus und Papst Gregor I. zu den vier spätantiken Kirchenlehrern des Abendlandes. Gedenktag ist der 30. September. Dieser gilt für die evangelische, anglikanische, römisch-katholische, orthodoxe und armenische Kirche.

8.2 Johannes Mentelin

Johannes Mentelin (manchmal auch Mentlin) (Wikipedia-Artikel)

geb. um 1410 in Schlettstadt; † 12. Dezember 1478 in Straßburg

Johannes Mentelin war ein bedeutender deutscher Buchdrucker und Buchhändler der Inkunabelzeit. 1466 veröffentlichte er die erste gedruckte Bibel in deutscher Sprache (Mentelin-Bibel).

8.3 Martin Luther

Martin Luther (Wikipedia-Artikel)

geb. 10. November 1483 in Eisleben, Grafschaft Mansfeld; † 18. Februar 1546 ebenda

Martin Luther war der theologische Urheber der Reformation. Als zu den Augustiner-Eremiten gehörender Theologieprofessor entdeckte er Gottes Gnadenzusage im Neuen Testament wieder und orientierte sich fortan ausschließlich an Jesus Christus als dem „fleischgewordenen Wort Gottes“. Nach diesem Maßstab wollte er Fehlentwicklungen der Christentumsgeschichte in der Kirche seiner Zeit überwinden. Seine Betonung des gnädigen Gottes, seine Predigten und Schriften und seine Bibelübersetzung, die Lutherbibel, veränderten die von der römisch-katholischen Kirche dominierte Gesellschaft in der frühen Neuzeit nachhaltig. Entgegen Luthers Absicht kam es zu einer Kirchenspaltung, zur Bildung evangelisch-lutherischer Kirchen und weiterer Konfessionen des Protestantismus.

8.4 Hans Luder

Hans Luder (Wikipedia-Artikel)

geb. 1459 in Möhra; † 29. Mai 1530 in Mansfeld

Vater von Martin Luther (Martin Luther änderte etwa 1512 oder 1517 seinen Geburtsnamen auf Luther ab)

8.5 Philip Melanchthon

Philip Melanchthon (Wikipedia-Artikel)

geb. 16. Februar 1497 in Bretten; † 19. April 1560 in Wittenberg

Er war als Reformator neben Martin Luther eine treibende Kraft der deutschen und europäischen kirchenpolitischen Reformation

8.6 Kaiser Karl V. des Heiligen Römischen Reichs (HRR)

Karl V. (Wikipedia-Artikel)

geb. 24. Februar 1500 in Gent; † 21. September 1558 im Kloster San Jerónimo de Yuste

Zunächst spanischer Kaiser Karl I (ab 1516), ab 1519 Kaiser des Heiligen Römischen Reichs (HRR) als Karl V